Dröhnende Motoren und verbrannter Gummi
Mit Truckrennfahrer Jochen Hahn über den Nürburgring
Nürburgring, Boxengasse, Donnerstagnachmittag. Den silbernen Helm und die blaue Sturmhaube in der Hand warte ich auf eine Mitfahrgelegenheit der besonderen Art. Für „move on“ darf ich Truckrennfahrer Jochen Hahn einige Runden in seinem Renntruck über die Grand Prix-Schleife begleiten. Er ist Spitzenreiter der aktuellen Europameisterschaftswertung.
Es ist heiß auf der Rennstrecke. Über dem Asphalt flimmert die Luft. In meinem Overall fühle ich mich wie eine Brühwurst in der Pelle. Während ich beobachte, wie tonnenschwere Zugmaschinen mit hohem Speed an Start und Ziel vorbeidonnern, läuft mir der Schweiß den Rücken hinunter. Ob es Angstschweiß ist? Ach nein. Das ist sicher nur die Hitze.

Obwohl … etwas flau ist mir jetzt doch schon im Magen. Vielleicht ist das aber auch nur so, weil ich auf eine Freundin gehört habe: „Nichts essen vor der Fahrt, sonst kommt unterwegs alles hoch“, hat sie gesagt. Auf den Rat eines Kollegen habe ich dagegen nicht gehört. Der meinte, ich solle zur Sicherheit eine Windel anziehen.
Dann biegt der grau-weiße Truck in die Boxengasse ein. Äußerlich ist es eine unscheinbare Zugmaschine, abgesehen von den vielen Sponsorenaufklebern auf allen Seiten. „Seriennah“ soll das Fahrzeug sein, deshalb bleibt die Karosserie weitgehend unverändert. Aber im offen liegenden Motorraum hinter dem Fahrerhaus offenbart sich, dass der Schein trügt. Der frisierte Motor des Mercedes Benz Axor 1853 LS bringt eine Leistung von rund 1.100 PS auf die Rennstrecke. Das maximale Drehmoment liegt bei 5.500 Nm. Das verspricht eine heiße Fahrt.

An der Tür steht „Jochen Hahn“ und dahinter „ A Rh +“ – Blutgruppe A, Rhesusfaktor positiv. Ich schlucke. Ob das einfach ein Gag ist, oder ob das für den Notfall da steht? Ich nehme auf den Beifahrersitz Platz. Der Fahrer mit dem blauen Helm begrüßt mich mit Augenzwinkern und erhobenem Daumen. Ein Mitglied vom Team Hahn Racing schnallt mich an. „So, dann mach mir mal einer die Tür zu und es geht wieder raus“, sagt Jochen Hahn über Funk. Ich betrachte nachdenklich den Überrollkäfig. Es ist angenehm, dass die Fenster des Trucks offen sind. „Das eine Zehntel gönne ich mir“, sagt Jochen Hahn. Kaum vorstellbar, wie heiß es im Cockpit wäre, wenn er mit geschlossenen Fenstern fahren würde.
Dann geht es los. Erst langsam die Boxengasse lang – hier gilt „Tempo 60“, sonst gibt es eine Strafe. Doch als wir auf die Strecke biegen ist der gemütliche Teil der Fahrt auch schon vorbei. Jochen Hahn lässt alle 1.100 Pferde los und in wenigen Sekunden hat der Truck auf 160 km/h beschleunigt. Das ist keine Spazierfahrt. Da lässt Jochen Hahn schon in den ersten beiden Kurven keinen Zweifel. Er fährt am Limit, trainiert für den Truck-Grand Prix, zwei Tage später. Doch er scheint dieses Limit gut zu kennen. Sein Fahrstil gibt bei aller Tempojagd doch ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit.

Mercedes-Arena, Ford-Kurve, Dunlop-Kehre. Jedes Mal hänge ich beim Bremsen wie ein gestürzter Bergsteiger im Gurt. Jedes Mal presst mich die Beschleunigung anschließend tief in die Sitzschale. Das ist der Rhythmus, der das Truckrennen bestimmt. „In den Kurven kann man viel Zeit liegen lassen. Da entscheidet sich das Rennen“, weiß Jochen Hahn. Entsprechend sieht seine Kampflinie aus. In den schnelleren Kurvenpassagen fangen die Reifen an zu singen. Durchs offene Beifahrerfenster steigt mir der Duft von verbranntem Gummi in die Nase.
Durch die Coca Cola-Kurve kommen wir zum ersten Mal auf die Zielgerade. Nur wenig fehlt und ich würde vor Begeisterung aus dem Fenster schreien wie ein Teenager in der Achterbahn. Jochen Hahn gibt wieder Vollgas, aber nur für einen kurzen Moment. In weniger als 5 Sekunden ist der Truck wieder bei 160 km/h. Er könnte wesentlich schneller fahren. Bei etwa 230 km/h liegt die Höchstgeschwindigkeit. Aber aus Sicherheitsgründen gibt es bei den Truckrennen eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 160 km/h. Und die wird, wie mir Vater Conny Hahn verraten hat, mit moderner Technik auf der gesamten Strecke kontrolliert. Je nach Rennen sogar über Satellit.

Dann geht es in die zweite Runde. Runter in den 7. Gang klein, mit etwa 60 km/h durch das Castrol-S. Einmal, für den Bruchteil einer Sekunde scheint der Truck ins Rutschen zu kommen, seitlich wegzudriften. Jochen Hahn steuert kurz gegen und gibt wieder Gas. In den Kurven gehe es darum, das Fahrzeug „so wenig wie möglich hochzulupfen“, hat mir der Schwarzwälder erklärt. Gekonnt nimmt er so viel Schwung wie möglich mit in die Geraden. Wieder geht es mit 160 km/h auf die nächste Passage zu, die NGK-Schikane. Am Randstreifen zeigen Schilder an: Noch 200 m, noch 150 m, noch 100 m. Jetzt erst steigt Jochen Hahn in die Eisen und lenkt seinen Truck links rein und rechts wieder heraus. Noch ein letztes mal Vollgas. Dann biegt er in die Boxengasse ab. „Na, hat’s Spaß gemacht?“, will er wissen. „Ja, sehr“, entgegne ich und steige glücklich, aber auch erleichtert aus dem Fahrerhaus. In so einem Truck mitzufahren ist schon ein irres Feeling. Und bei Jochen Hahn würde ich glatt wieder einsteigen.
Für „move on“. Klaus Scherer

Mehr Informationen über das Team Hahn Racing gibt es hier: www.team-hahnracing.de
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